Just zum Beginn des Kryptozäns am 26.8.2016 erscheint der gleichnamige Roman von Pola Oloixarac. Mit Kryptozän wird Oloixarac, eine der umstrittensten Autorinnen Lateinamerikas, erstmals im deutschsprachigen Raum vorgestellt. Im Interview spricht sie nicht nur über ihren Roman, sondern auch über den Hacker als politischen Helden, Randomness als Lebensart, Literatur in Zeiten von Pokémon Go und darüber, warum die Snowden-Enthüllungen in Argentinien kaum wahrgenommen wurden.

Wie kamst du auf die Idee, einen Hacker-Roman zu schreiben? Hast du Kontakte zur Hacker-Szene und wenn ja, gibt es reale Vorbilder für die Figuren in Kryptozän?

Die Anlage verschiedener Figuren des Romans ist inspiriert von befreundeten Hackern oder Personen, die ich in den 90er Jahren in der Hacker-Szene von Buenos Aires kennengelernt habe. Mit einigen von ihnen bin ich seit meinem 19. Lebensjahr befreundet, und ich habe sie immer als Romanfiguren betrachtet, also habe ich die Idee, die Geschichte der legendären Hacker von Buenos Aires niederzuschreiben, schon eine ganze Zeit mit mir herumgetragen. Die Szene der porteño-Hacker[1] ist recht interessant, denn in ihren Anfangsjahren war sie international äußerst konkurrenzfähig und viel hochentwickelter als zum Beispiel die in São Paulo, wo man sich auf den Diebstahl von Kreditkartendaten und solche Sachen konzentrierte. In Buenos Aires war der künstlerische und wissenschaftliche Aspekt des Hackings wichtiger, also das Erforschen und Auskundschaften der Technologie, so wie Naturforscher in den Urwald eindringen.

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In Kryptozän kommt sehr viel Musik vor, die der Protagonist des Romans Cassio und andere hören. Wie kam es zum Soundtrack des Buchs?

Der Soundtrack des Romans ist ziemlich 90er-lastig, Radiohead und andere, weil die Geschichte von Cassio, dem virus maker, so etwas wie die menschliche Variante einer Biografie des Internets darstellt. Sie beginnt mit der Entstehung der Bulletin Board Systems (BBS) und geht von den ersten Hacks, über den Aufstieg der Web-2.0-Startups bis hin zur Verbreitung von biokybernetischen Kontrollmechanismen wie Stromatolithon, wo Cassio später arbeitet. Der Soundtrack sollte diese Epoche bis in die nahe Zukunft begleiten. Deshalb sind auch Indie-Bands wie Los Siquicos Litoraleños mit dabei, die postnuklearen Chamamé machen.

Wie siehst du die (auch politische) Rolle von Hackern heute?

Ich glaube, dass die Hacker die politischen Helden unserer Zeit sind. Hacker haben einen politischen Blick auf Macht und Herrschaft, und die Art und Weise, wie sie mit Macht in Beziehung treten, setzt auf lokale Auswirkungen, kleine Einschläge und Crashs. Sie können also als subversive Kraft agieren und wirksam werden. Es gibt eine Gattung von Lebenserzählungen, in denen die Personen und Figuren sich tippend selbst erschaffen, wie bei Google oder Facebook, und das wiederum erzeugt einen totalen Roman aller Menschen, aber einen Roman, in dem es kein Recht auf Widerstand gibt. Du hast kein Recht, dich dem Umstand zu widersetzen, dass du zu einer Figur dieses Romans wirst. Was mich an Hackern interessiert, ist, dass sie das in etwas Politisches umwandeln: Sie zeigen auf, dass es hier ein Problem mit dem Recht auf Widerstand gibt, und machen deutlich, dass ich mich vor den Einblicken schützen muss, dass ich mich neu schreiben, Grenzen setzen muss, oder besser: dass ich die Grenzen selbst neu gestalten muss, weil die Grenzen meiner Individualität vollkommen umgestaltet worden sind.

Der politische Held schaut, wer sein Feind ist, und die Hacker haben erkannt, dass es diese neue Form des militärisch-industriellen Komplexes ist, die eine enorme Macht auf uns Individuen ausübt, der es einem unmöglich macht, sich ihm zu entziehen, und gegen den man sich doch irgendwie wehren muss. Und so wird der Untergrund zur einzigen Option. Das Monster, das es zu bekämpfen gilt, ist diese neue Form des militärisch-industriellen Komplexes, und ich finde es richtig und gut, dass die Literatur dabei hilft, über ihn nachzudenken und aufzuklären. Die politische Frage, die sich immer stellt, ist: Wer ist das Monster, gegen das ich kämpfen möchte?

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Kryptozän stellt viele Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten her, Datenspeicherung, DNA-Forschung, Überwachung im Internet etc. – ist das Buch für dich auch eine Gesellschaftskritik?

Ja, das Buch bewegt sich in der Welt von DNA-Forschung und totaler Überwachung, es greift diese Probleme auf, und dieses Aufgreifen könnte man gesellschaftskritisch nennen. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, aus einer neutralen Perspektive über diese Themen zu schreiben. Ich glaube aber, dass das Politische eine entscheidende Rolle spielt in den Debatten über das Recht auf Widerstand gegen die Kontrolle durch diese Mega-Unternehmen, die immer mehr in die alten Gewänder des Staates schlüpfen. Und ich glaube, dass wir Schriftsteller diesen Fragen, die Fragen der Literatur schlechthin sind, aufmerksam nachgehen müssen. Also sind wir wieder bei der Frage: Wer ist das Monster? Welche Form hat es, wo versteckt es sich, und wie bekämpft man es? Das sind zugleich eminent politische Fragen. Denn wenn wir uns auf den Karten, die die Macht entrollt, orientieren wollen, müssen wir direkt nach den neuen Formen der Macht fragen.

Die Snowden-Enthüllungen, die auch in deinem Buch vorkommen, haben in Deutschland eine große Kontroverse über digitale Überwachung ausgelöst. Wie hat man in Argentinien darauf reagiert?

Argentinien ist eigentlich eine Insel, das ganze Land wird durchgehend von der Galle der Innenpolitik absorbiert, ein Sumpf, der alles verschlingt. Nichts, was im Ausland geschieht, entfaltet daher besonders große Wirkung. Das gilt auch für die Snowden-Geschichte. Und das, obwohl Argentinien eines der am weitesten entwickelten Länder der Erde ist, was den Einsatz biometrischer Technologie angeht: In der Kirchner-Ära wurden biometrische Erkennungsverfahren massiv erweitert, und die neue Regierung unter Macri schlägt vor, dass der Staat Zugriff auf alle Daten der Bevölkerung erhält. Vor vierzig Jahren sind hier Menschen verschwunden (während des »Schmutzigen Krieges« der Militärdiktatur festgenommen und nie wieder aufgetaucht), weil sie ihre Personalausweisnummer in die Liste einer vermeintlichen neuen politischen Partei eingetragen hatten, die auf der Straße Unterstützer suchte. Aber aller Gedächtnispolitik zum Trotz scheinen die Leute nicht beunruhigt zu sein über das Maß an Kontrolle, das der Staat – egal, welche ideologische Farbe er trägt – über seine Bevölkerung ausübt.

Man könnte fast sagen, dass der Machtmissbrauch des Staats gegenüber seinen Bürgern in Argentinien eine derartige Tradition hat, dass man Machtmissbrauch für einen festen Bestandteil der staatlichen Aufgaben hält. Und deshalb glaube ich nicht, dass irgendjemand auch nur interessiert die Augenbrauen über die Enthüllungen von Snowden gehoben hat.

Um das Ganze vielleicht ins Verhältnis zu setzen: vor knapp einem Jahr wurde in Argentinien ein Staatsanwalt ermordet. Zuvor hatte er die damals amtierende Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner beschuldigt, mit dem Iran einen Pakt über die Straffreiheit der mutmaßlichen Urheber eines Attentats gegen ein jüdisches Gemeindezentrum geschlossen zu haben. Bei dem Attentat sind 1994 mehr als 85 Menschen ums Leben gekommen, der Fall wurde nie geklärt, niemand wurde festgenommen. Dass sich jemand in diesem Kontext übermäßig viele Gedanken über Online-Überwachung macht, wäre vielleicht selbst so etwas wie Science-Fiction.

Verschlüsselst du deine E-Mails?

Nein, ich verschlüssele sie nicht. Ich denke nicht, dass die wahrscheinlichste Attacke, vor der ich mich schützen muss, darin besteht, dass jemand meine privaten Nachrichten, die durchs Internet flattern, lesen kann. Wahrscheinlicher ist es, dass jemand versucht, meinen Rechner zu hacken, um Zugriff auf seine Inhalte zu kriegen. In diesem Fall wäre die E-Mail-Verschlüsselung auch nicht allzu nützlich. Mein prinzipieller Modus der Verschleierung und Verschlüsselung gegenüber den abstrakten Mächten der digitalen Kontrolle liegt darin, eine gewisse Zufälligkeit, also randomness, in mein Verhalten einzubauen. Dieses Prinzip der randomness wende ich im Übrigen auf mein ganzes Leben an. Natürlich ist es sehr schwierig, Bewegungs- und Verhaltensmustern zu folgen, die zu hundert Prozent random sind, aber Lärm und Rauschen anzusammeln hilft, um den Rastern der Vorhersehbarkeit, mit denen die Algorithmen operieren, zu entschlüpfen.

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In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es aktuell viele Romane, die in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt sind. Eine Katastrophe oder ein Krieg haben die Welt in eine Art tabula-rasa-Zustand katapultiert. Warum hast du dich entschieden, den Roman in eine nahe Zukunft hineinzuschreiben, die sich von der Jetztzeit nur um Nuancen unterscheidet?

Die Apokalypse ist natürlich ein bevorzugtes und vorteilhaftes Genre, um von der Gegenwart zu erzählen. Das Gleiche gilt für Science-Fiction, die auch nie wirklich von der Zukunft handelt. Es gibt so etwas wie eine kollektive Anstrengung, sich das Ende der Welt vorzustellen. Das Problem ist nur, dass dieses Ende nicht die Form eines erkennbaren und alles revolutionierenden »Ereignisses« [dt. im Original, Anm. d.Ü.] anzunehmen scheint. Es scheint nicht so zu sein, wie wir uns das manchmal vorstellen, dass ein Meteorit auf Yucatán einschlägt, diese ganzen Cenotes erzeugt und alle Dinosaurier in einem Zeitraum zerstört, den das menschliche Gehirn gerade noch ermessen kann. Aber das Ende der Welt ist ein langsamer Tod, der aus unzähligen Details besteht, die wir nicht alle miteinander in Verbindung bringen können und trotzdem irgendwie für uns ordnen müssen.

Für Kryptozän habe ich mir eine Zukunft ausgesucht, die wie ein Spiegel funktioniert; ein Spiegel, dessen Bild der Gegenwart vielleicht fünf Minuten voraus ist. Die Gegenwart dieses Spiegels ist der exponentiellen Entwicklung angepasst, die die Technologie durchmacht und die immer stärkere kulturelle Veränderungen verursacht. Vielleicht sind die Samenkörner der Apokalypse schon unter uns ausgestreut. Vielleicht ist die Apokalypse längst da, und sie ist nur noch nicht eingetreten.

Wie würdest du den Begriff »Kryptozän« erklären?

Es ist ein Neologismus, der im Gespräch mit meinem Lektor entstanden ist. Als wir darauf kamen, war ich sofort begeistert: Der Roman bewegt sich in der Welt von Kryptografie und Kryptologie, aber auch darüber hinaus, und deshalb gefällt mir das Wort so. »Kryptozän« denkt den Begriff des Anthropozäns selbst neu: Im Kryptozän wird der menschliche Teil des Begriffs ersetzt durch ein Arkanum, durch das unergründliche Geheimnis, das sich in »Krypto« versteckt – der Mensch allein ist nicht in der Lage, die Phänomene zu erklären, und es ist im Grunde die große menschliche Arroganz, zu glauben, dass man es kann.

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Du hast eine Zeitlang sehr häufig gebloggt und bist sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Siehst du, was du dort schreibst, als Teil deiner literarischen Arbeit?

Ich weiß nicht so genau, was literarisch letztlich bedeutet. Aber ich glaube nicht, dass es ein Phänomen umschreibt, das exklusiv der Literatur zugehörig ist. Es gibt viele literarische Artefakte, von denen wir dachten, ihre Funktion sei diese oder jene gewesen, und plötzlich entdecken wir sie auf eine ganz andere Weise neu. Das Interessante ist, dass sich dieses Phänomen nicht auf das Universum der Literatur begrenzt, in der Welt der Technik geschieht das Gleiche: Es gibt da ein Zusammenfließen, Konvergenzen, die es schwierig machen, kategorische Grenzen zwischen der materiellen Welt und der technisch vermittelten zu ziehen. Wir wissen nicht einmal mehr mit Gewissheit, ob das, was wir berühren, ein Dispositiv oder ein Sensor oder ein Roboter oder eine Pokémon-Projektion ist. In Kürze wird es sehr schwierig sein, zu wissen, ob wir es mit physischen oder literarischen Objekten zu tun haben.

Wo schreibst du am liebsten?

Ich schreibe gerne im Bett oder in Bars. Vor Kurzem bin ich nach San Francisco umgezogen, und in der Bar hier, ganz in der Nähe meiner Wohnung, schreibe ich häufiger. Sie heißt »Higher Grounds«, da hängt ein Schild »The Higher Grounds Apocalypse« und daneben ein kleineres, auf dem steht: »You’ve come a long way, baby«.

Was schreibst du als nächstes?

Gerade schreibe ich an einem Roman auf Englisch, der in San Francisco angesiedelt ist. Und zusammen mit dem Komponisten Esteban Insinger arbeite ich an einer neuen Oper. Als Lady Cavendish haben wir früher »Lieder« [dt. im Original, Anm. d. Ü.] aufgenommen, die auf den »atomaren Gedichten« von Margaret Cavendish aus dem 17. Jahrhundert basieren. Außerdem haben wir zusammen schon eine andere Oper – Hércules en Mato Grosso – komponiert, die 2014 in Buenos Aires und 2015 in New York aufgeführt wurde. Es ging darin um den realen deutschen Naturkundler und Entdecker, Baron von Langsdorff, der im Amazonasgebiet verrückt wird, begleitet von einem französischen Maler, Hercule Florence, der wiederum zum Pionier der Fotografie wird. Das Libretto habe ich auf Portugiesisch, Deutsch und Quechua geschrieben. Quechua habe ich extra dafür gelernt, damit die Anacondas, die Soprangöttinnen der Flüsse in ihrer eigenen Sprache singen. Ein paar Stücke kann man nachhören.

(Alle Abbildungen aus Jon Rafmans Google-Street-View-Serie „9-Eyes“, http://9-eyes.com/)

Gespräch und Übersetzung: Linus Guggenberger

[1] Als porteños und porteñas werden die Einwohner*innen von Buenos Aires bezeichnet.

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